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Freiburger Geographische Hefte, Heft 78

Irene Schöfberger (2016): Strategisches Handeln im translokalen Raum. Eine Analyse translokaler Livelihood-Strategien am Beispiel von vier ländlichen Gemeinden des Senegal und von zwei europäischen Migrationszielen

Zusammenfassung

Die Migration aus West-Afrika rückt immer mehr ins Blickfeld der europäischen Öffentlichkeit. Oft wird sie dabei nur als Reaktion auf problematische Umstände und im Gegensatz zu Sesshaftigkeit als eine Ausnahme von der Regel interpretiert. Dieser bedeutungsgeladene Blick (VERNE & DOEVENSPECK 2012) lässt aber außer Acht, dass Mobilitätspraxen in der Region seit jeher der Normalfall sind. Es ist daher notwendig, Migration als Teil erweiterter und langfristiger Livelihood-Strategien zu erforschen, die von Migranten innerhalb sozialer Gruppen (Haushalt, Gemeinschaft) gemäß den strukturellen Bedingungen ausgehandelt werden. Ziel dieser Arbeit ist es, zu einem besseren Verständnis von Livelihood-Strategien beizutragen, die sich auf translokale Räume erstrecken. Besondere Aufmerksamkeit wird dabei (1) der Entstehung und Aufrechterhaltung translokaler Räume, (2) der Konstruktion translokaler Livelihood-Strategien, (3) dem Einfluss von Verwundbarkeit auf translokale Räume und Livelihood-Strategien und (4) den kontextbedingtenVeränderungsprozessen von Livelihood-Strategien gewidmet.

Diesen Fragen wurde theoretisch-konzeptionell und empirisch nachgegangen.

Das empirische Fallbeispiel für die Untersuchung bildeten vier Gemeinschaften des Senegal: Yoff (Region Dakar), Guédé Chantier (Region Saint-Louis), Sambé (Region Diourbel) und Dindéfélo (Region Kédougou). Es handelt sich dabei um vier ländliche Gemeinden, von denen eine von einer raschen Verstädterung betroffen ist. Durch Binnenwanderung, internationale Migration und verschiedene andere Mobilitätspraxen erweitern die Bewohner dieser Orte ihre Livelihood-Strategien auf einen translokalen Raum. Dieser Raum wurde im Rahmen dieser Arbeit durch eine multi-sited ethnography erforscht, die nicht nur in den vier Gemeinden und in ihren Nachbarorten stattfand, sondern auch zwei Migrationsziele in Europa (das italienische Piacenza und das spanische A Coruña) einbezog. Während der insgesamt drei Feldforschungsphasen wurde ein Mix qualitativer Untersuchungsmethoden eingesetzt, der individuelle Befragungen, informelle Gespräche, Gruppeninterviews, Experteninterviews, Fokusgruppen, eine partizipative Fotodokumentation und eine neu entworfene Methode zur Untersuchung translokaler Netzwerke beinhaltete. Bei der Auswertung wurde ein induktiver Ansatz verwendet.

Die Erkenntnisse aus der Empirie zeigen, dass Individuen und Haushalte der vier untersuchten Gemeinden Aufenthaltsorte, Einkommensquellen und erwerbsbringende Tätigkeiten diversifizieren. Soziale Netzwerke ermöglichen dabei die Entstehung und Aufrechterhaltung translokaler Räume. Durch Konstruktions- und Verhandlungsprozesse werden translokale Livelihood-Strategien und Räume den Kontextbedingungen angepasst. Das ermöglicht eine Bewältigung unterschiedlicher Verwundbarkeitskonstellationen. Somit bedingen Räume und Livelihood-Strategien einander.

Die Ergebnisse zeigen auch, dass (1) translokale Räume hybride und sich ständig verändernde Konstrukte sind, auf die (2) Haushalte ihr strategisches Handeln durch die Livelihood-Strategien "Diversifikation", "soziale Netzwerke" und "Konstruktion" ausdehnen. Es stellte sich heraus, dass (3) Verwundbarkeit, translokale Räume und Livelihood-Strategien einander bedingen. Schließlich erwies sich, dass (4) ständige Konstruktionsprozesse den sozialen Akteuren eine Anpassung ihrer Livelihood-Strategien an die sich rasch verändernden Kontextbedingungen ermöglichen. Die Ergebnisse dieser Dissertation verdeutlichen die Notwendigkeit von Untersuchungsansätzen, die eine Analyse der Konstruktion und der Aushandlung von lokalen und translokalen Räumen und Strategien einbeziehen. Die strukturellen Bedingungen und die daraus entstehenden Aspekte der Verwundbarkeit beeinflussen die translokalen Strategien und Räume und müssen daher berücksichtigt werden.


 

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