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Freiburger Geographische Hefte, Heft 67

Rüdiger Mäckel, Heiko Steuer und Thomas Uhlendahl (2011): Gegenwartsbezogene Landschaftsgenese am Oberrhein – Ergebnisse eines interdisziplinären Graduiertenkollegs

Das vorliegende Werk zieht eine Bilanz aus den Ergebnissen des Graduiertenkollegs „Gegenwartsbezogene Landschaftsgenese“ (DFG-GRK 692), in dem von 2001 bis 2007 insgesamt 31 Stipendiaten an der Albert-Ludwigs-Universität gefördert wurden. Die Betreuer der Kollegiaten stammen aus zehn verschiedenen Instituten, die zu vier bzw. drei geisteswissenschaftlich und naturwissenschaftlich orientierten Fakultäten gehören. Im Forschungs- und Lehrprogramm des Graduiertenkollegs wurde von der Hypothese ausgegangen, dass die Landschaft des Oberrheinischen Tieflandes und der angrenzenden Mittelgebirge Schwarzwald und Vogesen wesentlich stärker vom Menschen überprägt worden ist, als bisher angenommen. Das heutige Nebeneinander von Landschaftsformen und -bildern, die teils durch rezente, teils durch historische Vorgänge gestaltet wurden, ließen sich sowohl mit naturwissenschaftlichen als auch mit geisteswissenschaftlichen (z. B. historischen und archäologischen) Methoden und Verfahrensweisen mit Blick auf ihre Entstehungszeiten auflösen. Die Analyse der naturbedingten und anthropogenen Umweltveränderungen vom Neolithikum (vor 7500 Jahren) bis zum heutigen Erscheinungsbild erforderte das vernetzte Arbeiten geländeorientierter Disziplinen. Die inhaltliche, regionale und methodische Verknüpfung verschiedener Arbeitsrichtungen und die interdisziplinäre Zusammenarbeit im Forschungs- und Lehrprogramm des Graduiertenkollegs wurde über das Sphärenkonzept hergestellt. Schwerpunkte bilden das Wald-Offenland-Verhältnis und die damit verbundenen historischen Unterschiede in der Nutzungs- und Gestaltungsintensität innerhalb der Landschaftsentwicklung und die regionale Vernetzung der Forschungsergebnisse entlang von Landschaftstransekten und im Landschaftsvergleich. Der methodische Ausbau konzentrierte sich auf die Auswertung von Proxy-Daten, natürlichen und historischen Archiven, archäologischen Funden und Befunden sowie auf die Pollen-, Großrest- und Holzkohlenanalyse. Der Einsatz naturwissenschaftlicher Datierungsmethoden stellte innerhalb des GK ein wichtiges integratives Forschungsfeld zwischen den einzelnen Dissertationsthemen dar.

Die Forschungsergebnisse der einzelnen Kollegiaten wurden schließlich unter dem zeitlichen und räumlichen Aspekt ausgewertet. Sie zeigen, dass der Einfluss des wirtschaftenden Menschen auf die Landschaft am Oberrhein stärker war und auch früher einsetzte als bislang angenommen wurde. Bevorzugte Gebiete der frühen Besiedlung und landwirtschaftlichen Nutzung waren seit dem Neolithikum die wärmeren und von fruchtbaren Böden bedeckten Lössgebiete des Tieflandes und der Vorberge. Dennoch zeichnet sich bereits seit dieser Zeit auch die erste Nutzung der höheren Berglagen im Schwarzwald und in den Vogesen ab. Der auffallende Gegensatz zwischen dem siedlungsfeindlichen Gebirge und dem Tiefland verringert sich zunehmend in der Kelten- und Römerzeit, womit sich auch die Wechselwirkung zwischen den verschiedenen naturräumlichen Einheiten verstärkte. Auffallend ist die Verbindung zwischen der Veränderung des Wald-Offenland-Verhältnisses und der geomorphologischen Prozesse. Entsprechend der intensiven Nutzung des Raumes können neun Sedimentationsphasen (Kolluvien und Auenlehme) unterschieden werden. Dabei ist neben der verstärkten Abtragung und Sedimentation (z. B. in der Römerzeit und im Hochmittelalter) die Abnahme bzw. das Ausbleiben von Auensedimenten in den klimatisch ungünstigen Zeitabschnitten des Holozäns auffallend (z. B. am Übergang Bronze-/Eisenzeit oder während der Völkerwanderungszeit).

Einige Dissertationen weisen hingegen auf die differenzierte Entwicklung einzelner Tallandschaften oder Höhenstufen hin. Danach zeichnet sich dort selbst innerhalb geschlossener oder landschaftlich vergleichbarer Naturraumeinheiten eine unterschiedliche Auswirkung des Menschen auf seine Umwelt ab, zum Beispiel im Sulzbachtal oder in den höheren Siedlungsgebieten des Südschwarzwalds und der Vogesen.

Mit den Forschungsarbeiten des Graduiertenkollegs konnten neue und zuverlässige Kenntnisse zur Landschaftsgeschichte am Oberrhein gewonnen werden. Der Gesamtertrag bildet darüber hinaus die unabdingbare Voraussetzung für die Beurteilung ihrer zukünftigen Entwicklung. Damit dienen die Ergebnisse auch als eine wichtige Grundlage für angewandte Fragestellungen, zum Beispiel der Regionalplanung, der Landnutzung und des Naturschutzes, der Denkmalpflege sowie der Erhaltung der Landschaft für die Erholung und den Fremdenverkehr.

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