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Freiburger Geographische Hefte, Heft 76

Anna Chatel-Messer (2015): Heritage Interpretation als Element eines nachhaltigen Tourismus im Pilotprojekt Interpretationsraum Kandel, Südschwarzwald - eine Evaluation mittels GPS-Tracking

Zusammenfassung

Ziel des Forschungsvorhabens ‚Heritage Interpretation als Element eines nachhaltigen Tourismus im Pilotprojekt Interpretationsraum Kandel, Südschwarzwald – eine Evaluation mittels GPS-Tracking’ war eine Wirksamkeitsanalyse dieses Pilotprojekts mittels Fragebögen und der neuen Methode des GPS-Trackings durchzuführen. Das GPS-Tracking wurde erstmals zur Evaluation eines interpretativen Angebotes eingesetzt. Dabei wurden die Potentiale und Grenzen dieser Methode dargestellt und es wurde gezeigt, wie aus den Ergebnissen Empfehlungen für die Weiterentwicklung des Pilotprojektes gewonnen und darüber hinaus allgemeine Handlungsempfehlungen für Interpretationsräume abzuleiten sind. Das Pilotprojekt ist theoretisch eingebettet in den Ansatz ‚Heritage Interpretation’, der in den Nationalparks der USA entwickelt wurde und die professionelle und nachhaltige Vermittlung des Natur- und Kulturerbes zum Ziel hat.

 

Umsetzung des Interpretationsraumes Kandel

Die vorliegende Arbeit demonstriert, dass der partizipative Ansatz, welcher die lokale Bevölkerung von Beginn an in den Prozess der Konzeptionierung und Etablierung des Interpretationsraumes einbindet, die Akzeptanz des Angebotes erhöhen kann. Zudem eignet er sich dafür, charakteristische, regionalgeographische Themen herauszufiltern. Die inhaltliche Ausgestaltung dieser partizipativ gewonnenen Themenstränge erfolgte anschließend mittels einer Methodentriangulation von Geländebegehungen, Experteninterviews und Literaturrecherche, wobei sich zeigte, dass die Experteninterviews hierbei die wichtigste Rolle spielten. Bei der Umsetzung des Projektes wurde deutlich, dass das gesamte Projektteam: Projektmanagement, Entscheidungsträger, Stakeholder, aber auch Graphiker und Übersetzer mit dem Ansatz HI vertraut sein müssen, um die Qualitätskriterien zielführend umsetzen zu können.

 

Bewertung des Interpretationsraumes Kandel

Die Untersuchung anhand von standardisierten Fragebögen zeigte, dass die Besucher Informationen über Natur und Kultur als ‚wichtig’ bewerten. Weiterhin gaben knapp zwei Drittel der Besucher an, dass sich durch das interpretative Angebot die Qualität des Aufenthaltes erhöht hat und dass sie viel oder sehr viel Neues erfahren haben. Das Angebot wird von den Besuchern somit angenommen und die bereitgestellten Informationen werden von über der Hälfte der Besucher vollständig gelesen. An erster Stelle für das ‚Nicht-Lesen‘ einer Interpretationsstele wurde genannt, dass die Person lieber wandert, als stehen zu bleiben. Die 2,8 m hohen, 35 cm schmalen, dreieckigen Interpretationsstelen als Medium der Vermittlung wurden positiv bewertet hinsichtlich des Formats, der Gestaltung und der interpretativen Texte. Die Dreisprachigkeit erhielt die höchste Punktzahl, obwohl die Zielgruppe der ausländischen Gäste mit 7% bisher nur gering vertreten ist. Dennoch sahen die meisten Besucher darin einen Mehrwert. Ferner sind über 80% der Besucher der Meinung, dass sich die Interpretationsstelen sehr gut bzw. gut in das Landschaftsbild einfügen. Das neue Konzept des Interpretationsraumes (anstatt eines Interpretationspfades) als Entdeckungsraum begrüßte über die Hälfte der Besucher, während knapp ein Viertel lieber auf Rundwegen unterwegs ist.

 

Wirksamkeit des Interpretationsraumes Kandel

Das Ziel, den Besuchern Naturthemen und einen neuen Blick auf die Landschaft zu vermitteln, wurde bei 70% der Besucher erreicht, und zwar umso deutlicher, je mehr Interpretationsstelen gelesen wurden. Diese Veränderungen können somit einen Baustein zu einer vertieften Wahrnehmung und einer Bildung für nachhaltige Entwicklung darstellen. Die Besucher wurden bei Ankunft und nach ihrem Besuch hinsichtlich ihrer Verbundenheit mit dem Kandel befragt. Fast die Hälfte fühlte sich schon vor dem Besuch stark bis sehr stark mit dem Kandel verbunden, bei der Abreise erhöhte sich die Anzahl auf zwei Drittel; als Gründe für ihre stärkere Verbundenheit gaben die Besucher nach ihrem Aufenthalt insbesondere das Naturerlebnis und schöne Plätze an, aber auch Erinnerungen und die Interpretationsstelen. Interpretationsangebote tragen offensichtlich direkt zu dieser Verbundenheit bei, sie wirken aber auch indirekt, indem sie Besucher motivieren, Naturräume aufzusuchen und an interessante Plätze zu führen. Festzustellen ist ferner, dass der prozentuale Anteil der Besucher, der den Kandel als sehr schutzwürdig einstufte, im Rahmen des Besuches deutlich von 50 auf 71% stieg. Der Aufenthalt in der Natur scheint das Bewusstsein für deren Schutz zu steigern. Die Mehrheit der befragten Besucher sprach sich nach dem Besuch dafür aus, ein Naturschutzgebiet auf dem Kandelgipfel einzurichten. Alle Personen wollten den Kandel als Ausflugsziel weiterempfehlen und auch selbst wiederkommen. Der Interpretationsraum Kandel liefert damit auch einen weiteren Baustein für einen nachhaltigen Tourismus am Kandel.

 

GPS-Tracking als Tool für Interpretationsräume Die Mobilitätspfade der Besucher konnten anhand des GPS-Tracking präzise abgebildet werden und nach verschiedenen Besuchergruppen differenziert visualisiert werden. Eine Veränderung des Verhaltens der Besucher durch das mitgeführte GPS-Gerät hinsichtlich der Leseintensität der Interpretationsstelen wurde nicht festgestellt. Gravierende Datenverluste traten nur selten auf, auch im Wald wurde ein gutes GPS-Signal mit einer Ortsabweichung von höchstens 10 Meter empfangen. Die Verweildauer der Besucher an verschiedenen Messpunkten konnte gut wiedergegeben werden, wobei die Verweildauer an Aussichtspunkten, Wegkreuzungen, Interpretationsstelen, Bänken und am Parkplatz deutlich längere Zeiten aufwiesen als auf den Wanderwegen. Von Interesse für die Untersuchung war insbesondere die Verweildauer der Besucher an einzelnen Interpretationsstelen. Klammert man Aussichtspunkte und Interpretationsstelen mit Bänken aus, so ergaben sich mittlere Verweilzeiten an den Interpretationsstelen von über 1 Minute. Die Verweildauer kann auch gesondert für verschiedene Besuchergruppen ausgegeben werden - beispielsweise Touristen versus Einheimische, zeigt jedoch keine signifikanten Unterschiede. Anhand der Verweildauer jedes einzelnen Besuchers an einer Interpretationsstele konnte erhoben werden, wie viele Besucher lediglich an der Interpretationsstele vorbeigegangen sind und wie viele länger verweilt haben. Es zeigte sich, dass an fast allen Interpretationsstelen mehr als die Hälfte der Besucher angehalten haben, die Interpretationsstele also wahrscheinlich auch gelesen haben. Dies zeigt sich darin, dass die Verweilzeiten der Personen, die im Fragebogen angekreuzt haben, Leser einer Interpretationsstele zu sein, mit den Verweilzeiten der Personen übereinstimmen, die eine Interpretationsstele länger besuchen. Die Vorteile des GPS-Trackings gegenüber früheren Methoden, welche sich auf ‚time-space-budgets‘ –Tagebücher bzw. ‚Mental Maps‘ stützen, sind die sehr viel exaktere Datengrundlage mit eindeutigen Positionen und Aufenthaltsdauern. Zählungen und verdeckte Beobachtungen wären in diesem weitläufigen Gebiet mit vielen Interpretationsstelen sehr personalintensivgewesen und hätten einen praktisch kaum zu leistenden Zeitumfang bedeutet, um die gleichen repräsentativen Aussagen zu erhalten. Die Besucheranzahl auf verschiedenen Wegen konnte auch in absoluten Zahlen dargestellt werden, was die Möglichkeit bot, konkrete Belastungszahlen für einzelne Gebiete festzustellen, welche für das Besuchermonitoring in Schutzgebieten äußerst bedeutsam sind. Das GPS-Tracking liefert hierzu eine eindeutige und effektive Methode.

 

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